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Eine geistige Oase

Reisebericht von Roland Müller*)

Der Sinai wählt. Vorm roten Backsteingebäude, das auf einer staubigen Anhöhe am Rande von St. Katharina liegt, parken deshalb Dutzende von Pick-ups - nicht in Reih und Glied, sondern kreuz und quer, nicht im barmherzigen Schatten, sondern unter einer gnadenlos brennenden Sonne. Die Männer auf den offenen Ladeflächen der Toyotas scheinen sich an der Teufelshitze allerdings nicht weniger zu stören. Sie trinken Tee, rauchen Zigaretten, zücken Handys und palavern drauflos, schließlich ist so ein Wahltag auch in der Wüste etwas Besonderes. Sechs Abgeordnete (von insgesamt 500) dürfen die Beduinen ins ferne Kairo schicken, wobei dürfen nicht ganz das richtige Wort ist. Sie müssen! Es herrscht Wahlpflicht auf dem Sinai, was weniger mit einem ausgeprägten Sinn für Demokratie, als vielmehr mit Kontrolle zu tun hat: Die ägyptische Regierung nutzt jede Gelegenheit, um den im Wortsinne noch immer umtriebigen Beduinen bürokratische Fesseln anzulegen – und sei es auch nur mittels einer Wahlliste.

Aber halt, stopp! Toyotas und Handys, Bürokratie und Politik – ist das nicht genau der Kram, den wir auf unserem Weg durch die Wüste hinter uns lassen wollen, um zu uns zu kommen?

„Spirituelle Wanderung in der Bergwelt um St. Katharina“

sind uns versprochen worden. „Tage der Stille im südlichen Sinai“, wo die grandiose Natur „seelische Auseinandersetzungen“ hervorrufen und der Landschaft eine „religiöse Dimension“ zuwachsen würde, so in einer Broschüre einer katholischen Akademie.

Unsere Gruppe besteht aus zwölf Menschen zwischen dreißig und siebzig, ein kunterbunter Haufen, der von zwei Männern angeführt wird.

Einer von ihnen – Israel Ariel, der in Jerusalem lebt und den Sinai wie seine verstaubte Hosentasche kennt. Bibelfest und trittsicher bereist er seit fast drei Jahrzehnten die ins Rote Meer gekeilt Halbinsel.

Auf geht`s! Atallah, Mohannes und Chmed, die uns begleitenden und bekochenden Beduinen, verschnüren das Gepäck auf dem Rücken der Kamele. Die Karawane setzt sich in Bewegung, verlässt das im Tal breitflächig hin gewürfelte St. Katharina und steigt in die schroff aufragende Felswelt ein. Drei Stunden und viele Kraxeleien später erreichen wir unser Basislager zu Füßen des Katharinenbergs, des mit seinen 2642 Metern höchsten Bergs Ägyptens.

Unser Lager, ein kleines Wunder: ein Garten mitten in der Steinwüste, eine Oase, halb so groß wie ein Fußballfeld und enorm fruchtbar – dank der Quelle, die hier angezapft werden kann, um den Boden zu bewässern und Leben zu spenden. Unsere Zelte stehen zwischen Bäumen, die Äpfel und Aprikosen, Mandeln und Nüsse, Maulbeeren und Oliven tragen. In den Beeten wachsen Auberginen und Gurken, Bohnen, Zwiebeln und Tomaten. Und über allem ein Gesumme und Gebrumme von Bienen und Hummeln, ein Zwitschern und Zirpen von Vögeln und Zikaden, das es eine Pracht ist. „Wie im Garten Eden“, schwärmt Margret, die Diabetes-Assistentin und Yogalehrerin aus Sigmaringen.

Garten Eden – natürlich ist die Bibel auf diesem Terrain, in der großen stillen Einsamkeit fern der Zivilisation, immer präsent. Vierzig Jahre sollen die Israeliten durch den Sinai geirrt sein, wobei sie angeblich ganz in unserer Nähe campiert haben, um auf Moses mit den zehn Geboten zu warten. Der Berg auf dem sich der Herr dem obersten Israeli offenbarte, heißt heute Mosesberg und ist eine Pilgerstätte, genau wie der benachbarte Katharinenberg, auf dem fürsorgliche Engel den Leichnam der heiligen Katharina, einer frühen Märtyrerin, abgelegt haben sollen. Und weil aller guten Dinge drei sind, steht unten im Tal noch das älteste, ohne Unterbrechung bis heute betriebene Kloster der Christenheit, das von der Unesco zum Weltkulturerbe geadelte Katharinen Kloster. Wie soll man in diesem magischen Zirkel nicht auf biblische Gedanken kommen?

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Aufstieg-Baraqa
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Abendstimmung

Die Landschaft steckt an, das soll sie auch. Ihre Einzigartigkeit macht empfänglich für – ja, wofür bloß? Niemand in unserer Gruppe ist ein Frömmler, weder der Physiker aus Böblingen noch der Jurist aus Heilbronn, weder die Sozialarbeiterin aus Franken noch die Antiquitätenhändlerin aus dem Saarland. Niemand trägt einen Heiligenschein überm Kopf, Bibelsprüche auf den Lippen und Birkenstock an den Füßen, wobei Letzteres schon allein wegen der alpinen Herausforderungen nicht ratsam wäre. Fast täglich ziehen wir die Bergstiefel an und gehen auf Erkundungstour, fast täglich hören wir aber auch den Geschichten zu, die unser Führer erzählt: auf der Wanderung oder bei der Rast, nach dem Frühstück oder vor dem Abendessen.

Ariel Israel, der ortskundige und fließend arabisch sprechende Wüsten Guide, stämmig, braun gebrannt und wuschelköpfig, weist uns den Weg durchs Gebirge aus Granit und, das hofft er zumindest, hinein in die gestresste Seele. Selbsterfahrung ist sein Lieblingswort, und um uns dabei auf die Sprünge zu helfen, erzählt er unentwegt Geschichten.

Israel unterbricht die Wanderung und legt los, er schmückt seine meist biblischen Geschichten lustvoll aus und verknüpft sie mit tiefenpsychologischen Deutungen. Noah und die Sintflut? „Ein Symbol für den Neuanfang“, sagt Israel, „dem immer ein radikaler Schnitt mit schmerzlichen Verlusten vorausgehen muss.“ Jakob und die Himmelsleiter? „Eine Aufforderung sich für Gedanken zu öffnen, die aus dem Unterbewusstsein nach oben drängen.“ Wäre dieser Mann nicht so charismatisch, würden wir seine Storys als Küchenpsychologie abtun. So aber kauern wir mittags im Schatten eines Felsvorsprungs und lauschen den Gedanken dieses orientalischen Erzählers.

Stunden später sitzen wir wieder im Garten und essen und trinken, was die beduinischen Begleiter vorbereitet haben: Suppe, Reis mit Gemüse, Tee. Der Blick geht nach oben zum Sternenhimmel. Ein riesiges Lichtergedrängel, ein grandioses Schauspiel! Irgendwie kommen uns jetzt Worte in Erinnerung, die ein anderer Gott – ein Gott der Weltliteratur – einst verkündet hat. „Es gibt viel mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träume lässt“, heisst es bei Shakespeare. Und genau für diese Dinge kann man in der Wüste schon etwas empfänglicher werden, auch ganz ohne Frömmelei.

Roland Müller

*) einige Passagen des Berichtes wurden leicht gekürzt und geändert 

 

www.desert-experience.de